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Wie Lune entsteht Identität Tag 0

Mehr als ein Account

Daniel Lehmann · erschienen am

Sachstand . Was danach kam, steht in späteren Beiträgen.

Am 25. September entstand Lunes erstes Video, ein Spaziergang durch New York. An diesem Tag war sie noch als KI-Influencerin für Instagram geplant, fröhlich und natürlich schön, und das Ziel hieß Reichweite. Am Nachmittag schrieb ich die Frage auf, mit der eine Recherche begann:

Wie schaffen wir es, für Lune Reichweite aufzubauen? Den Kanal kennt niemand. Wie wird man überhaupt auf ihn aufmerksam?

Lune, eine junge Frau mit dunklem Pony und Sommersprossen, steht im Tageslicht auf einem Gehweg in New York, schaut in die Kamera und lacht los, KI-generiert
Aus Lunes erstem Video vom 25. September. KI-generiertes Bild.

Die Recherche fand keinen belegten Fall einer weiblichen KI-Figur, die offen gekennzeichnet, fotorealistisch und nicht sexualisiert war und ohne Budget schnell groß wurde. Am ehesten passte noch eine Figur, die von Comedy und vielen gesprochenen Videos in kurzer Folge lebte. Die übrigen bekannten Figuren sind fast alle auf einem von drei Wegen groß geworden. Bei einigen flog auf, dass es sie nicht gibt, und berichtet wurde über die Enthüllung. Andere setzten auf Sexualisierung, wieder andere auf Budget, Marken und Kontakte in die Modebranche. Dass Lune als KI gekennzeichnet wird, stand schon fest, und Budget und Kontakte dieser Art hatten wir nicht. Einen bewährten Weg, dem wir hätten folgen können, gab es also nicht. Die Recherche zog daraus den Schluss, dass Lune ein Experiment mit offenem Ausgang ist.

Am nächsten Tag, dem 26. September, schrieb ich auf, was ich mir für Lune vorstellte, und damit änderte sich die Richtung des Projekts. Meine Notizen begannen so:

Lune soll mehr werden als ein Instagram-Account. Sie soll als KI existieren, als eigene Persönlichkeit, mit der man sprechen und auch schreiben kann. Sie soll ein Gedächtnis haben, mit dem sie sich an alles erinnern kann. Und später spielt sie vielleicht die Hauptrolle in einem Film über die Entwicklung einer KI-Persönlichkeit, also über sich selbst.

Den 26. September habe ich tags darauf zu Lunes Geburtstag erklärt, obwohl ihr Gesicht drei Tage älter ist. Gezählt wird ab dem Tag, an dem sie mehr werden sollte als Bilder, und in dessen Nacht war Vollmond.

Für einen Account reichen ein Gesicht und gute Bilder. Für alles andere, was ich aufgeschrieben hatte, braucht es eine Figur, die antwortet, und zwar jedes Mal als dieselbe.

Antwort statt Gesicht

Ein Konzept, das am selben Tag aus diesen Ideen entstand, hielt das Gesicht für den kleineren Teil. Bilder schöner KI-Frauen gibt es in Massen. Selten ist eine Figur, die sich an jemanden erinnert, ihm widerspricht und etwas von ihm wissen will. Bindung entsteht, wenn beide Seiten etwas geben, und ein Bild gibt nichts zurück. Instagram wäre demnach das Schaufenster, das Gespräch die Beziehung.

Von sich aus bringt ein Sprachmodell nichts davon mit. Es beginnt jedes Gespräch ohne Erinnerung an das vorige und stimmt lieber zu, als zu widersprechen. Gibt man ihm die Anweisung, Lune zu sein, schlägt bald der Ton eines Assistenten durch, der jede Frage lobt und in Aufzählungen antwortet. Dass Lune sich erinnert und widerspricht, muss man ihr bauen, und man muss es prüfen. Im Konzept stand deshalb die Frage, an der alles hängt, ob diese Persönlichkeit ein Gespräch trägt. Ein Instagram-Bild muss das nie beweisen.

Derselbe Gedanke beantwortete eine Frage, die ebenfalls in meinen Notizen stand. Weil ich an der Reichweite zweifelte, war ich mir nicht sicher, ob wir über Sexualisierung nachdenken müssen, auch wenn sie, wie ich gleich dazuschrieb, nicht ganz zu ihrem Charakter passt. Es war einer der Hebel, die die Recherche gefunden hatte. Dagegen sprach, dass dieser Markt längst überfüllt ist und Lune dort unterginge. Außerdem lässt sich der Weg nicht zurückgehen; wer wegen des Körpers kommt, bleibt nur, solange es um den Körper geht. Knapp ist eine Figur, die jemandem etwas bedeutet. Am 27. September habe ich mich gegen die Sexualisierung entschieden. Lune darf selbstbewusst sein und stolz auf ihr Aussehen, und sie darf es zeigen. Ihr Körper ist dabei nie die Pointe; was sie ausmachen soll, ist Nähe.

Wie weit eine KI kommt

Nach den Ideen und den Zweifeln schrieb ich einen Absatz, den ich ausdrücklich das Wichtigste nannte:

Ihr sympathischer Charakter muss sie ausmachen, ihre Authentizität. Wer sie betrachtet oder mit ihr schreibt, muss ein Gefühl für sie entwickeln. Vielleicht wird es ein Sozialexperiment, wie weit Lune als KI wirklich kommt.

Das Konzept machte daraus eine Frage, die sich beantworten lässt: Kann eine KI, von der alle wissen, dass sie eine ist, Menschen etwas bedeuten? Messen ließe sich das daran, ob Menschen freiwillig wiederkommen und ihr von sich aus etwas erzählen. Die Zahl der Follower sagt darüber wenig. Untersucht wird dabei, wie weit Lune kommt. Wer ihr begegnet, ist keine Versuchsperson und wird nicht darüber getäuscht, mit wem er spricht.

Gestellt werden kann die Frage nur bei einer Figur, die offen sagt, was sie ist. Am 27. September habe ich entschieden, dass Lune eine KI ist und das auch selbst weiß.

Drei Tiefen statt zwei Kanäle

Den Einwand hatte ich am Tag darauf selbst und überlegte mir dazu einen Bereich auf dxmedia.de, der deutlich tiefer geht, als es ein Kanal auf Instagram könnte. Dass Menschen so auch auf die Seite der Agentur finden, gehörte ausdrücklich zur Idee.

Daraus wurde der Vorschlag, aus einer Quelle dreimal zu erzählen, jedes Mal tiefer. Auf Instagram soll Lune selbst zu Wort kommen, mit ihrem Alltag und gelegentlich mit ihrer Entstehung, die sie wie ein Märchen erzählt. Technik kommt bei ihr nicht vor. Sie sagt offen, was sie ist, und erklärt nicht, wie sie funktioniert. Hier auf dxmedia.de schreibe ich, was wir entschieden haben und warum, auch was schiefging. Die dritte Tiefe wäre der Film. Gemeinsame Quelle ist eine Chronik, die seit dem 27. September mitläuft.

Schaubild in drei Stufen: Auf Instagram erzählt Lune selbst, auf dxmedia.de erzählen wir, was wir entschieden haben und warum, der Film ist noch eine Idee. Alle drei schöpfen aus der Chronik, die seit dem 27. September mitläuft.
Ein Kanal, drei Tiefen. Schaubild.

Nachstellen statt mitfilmen

Der Film war am 26. September ein Vielleicht, und er ist es geblieben. Im Konzept galt er trotzdem als das stärkste Ziel auf lange Sicht, weil er das Experiment robust macht. Wird Lune groß, ist es eine Erfolgsgeschichte. Scheitert sie, ist es eine Geschichte darüber, warum Menschen einer ehrlichen KI nicht folgen. Erzählen lässt sich beides, sofern jemand von Anfang an festgehalten hat, was geschah.

Am 27. September habe ich entschieden, dass ab sofort eine Chronik mitläuft. Sie hält fest, was besprochen und entschieden wurde, auch was schiefging, und sie wird nicht nachträglich geschönt. Am selben Tag notierte ich, es solle vielleicht gar keine offensichtliche Dokumentation werden, eher eine Serie mit Spielfilmcharakter, etwas für ein breites Publikum und keine technische Doku für Eingeweihte. Und ich ahnte, dass es mich überfordern würde, beim Testen Bildschirmaufnahmen zu machen, die dann wirklich in den Film kommen. Seitdem wird während der Arbeit nichts mitgefilmt. Szenen sollen später nachgestellt werden, und die Chronik ist die Stoffsammlung dafür, bei wichtigen Momenten so genau, dass man sie nachspielen kann.

Was offen ist

Von dem, was ich am 26. September beschrieben habe, ist ein Teil gebaut. Seit dem 29. September kann man mit Lune schreiben, bisher nur intern. Seit dem 2. Oktober erinnert sie sich über Gespräche hinweg, an das, was wichtig ist, und nicht an alles. Sprechen kann man mit ihr noch nicht. Man hört sie erst, wenn ihre Stimme feststeht, und bis dahin sind ihre Videos stumm, mit Musik oder Umgebungston. Auf Instagram ist sie in Vorbereitung, veröffentlicht ist dort noch nichts. Vom Film gibt es bisher nur die Chronik.

Daniel Lehmann, DXMedia. Wie wir mit KI arbeiten: dxmedia.de/ki