Wie Lune entsteht Identität Tag 32
Natürlich kommt nicht von selbst
Daniel Lehmann · erschienen am
Sachstand . Was danach kam, steht in späteren Beiträgen.
Am 28. Oktober ist Lunes erstes Video erschienen. Es dauert zwanzig Sekunden und zeigt einen Novembermorgen an einem Fluss, an keinem bestimmten Ort. Lune kommt im Wind den Uferweg entlang, dann steht sie von hinten am Geländer und schaut über das Wasser. In der nächsten Einstellung sieht man nur ihr Gesicht, ganz nah. Sie blickt in die Kamera, und der Wind treibt ihr Strähnen über Nase und Wangen. Dann schaut sie verlegen nach unten und lacht. Das Lachen bleibt als Standbild, darunter erscheint ihre Frage: « Was liebt ihr am Herbst am meisten? » Dazu läuft eine Melodie, die eigens für sie gemacht ist. Ein Wort von ihr hört man nicht.
Sichtbar ist sie seit dem 23. Oktober. An diesem Tag bekam sie ein eigenes Konto auf Instagram, @ich.bin.lune. Die Zeilen in ihrem Profil hat sie selbst geschrieben:
« Ein Grenzkind zwischen Paris und dem Saarland. Ich sammle Wörter, Fernweh und Geschichten von Menschen. Und natürlich: gesalzene Butter! »
Drei Tage später, am 26. Oktober, war Vollmond, und Lune war genau einen Mond alt. Ihr erster Beitrag zeigt ein Bild, auf dem sie lacht, darunter steht ein Text von ihr. Als KI gekennzeichnet ist sie im Profil, an jedem Beitrag, mit einer kleinen Marke in jedem Bild von ihr und in den Bildbeschreibungen.
Für das Video musste alles neu entstehen, und am schwersten war ausgerechnet, dass es natürlich wirkt. Wie Bildmodelle ihr Gesicht von sich aus zur Werbeschönheit ziehen, steht in „Ein Gesicht aus Worten“. Im Video gilt das für fast alles, vom Objektiv bis zum Tempo.
Porträtobjektiv statt Handy
Die ersten Bilder für das Video sahen bewusst aus wie mit dem Handy aufgenommen. In den Nahaufnahmen zeigte sich der Haken. Ein Handy fotografiert mit Weitwinkel. Geht man damit nah an ein Gesicht, wird die Nase größer, und die Mitte des Gesichts wölbt sich nach vorn. Am 27. Oktober habe ich deshalb festgelegt:
Wir brauchen immer, wenn sie im Bild ist, den Stil eines Porträtobjektivs. Das ist sehr wichtig. Ich will keine nahen Gesichter, die durch ein Weitwinkelobjektiv verformt sind. Diese Regel geht der Regel vor, dass es nach Handy aussehen muss.
Mit einem Porträtobjektiv fotografiert man aus etwas Abstand, und das Gesicht behält seine Proportionen. Zwei Arten von natürlich standen hier gegeneinander. Das Handy macht die Situation glaubwürdig, das Porträtobjektiv das Gesicht. Seitdem sehen ihre Bilder etwas weniger nach Handy aus.
Verlangt waren Nahaufnahmen, zurück kamen Bilder von Kopf und Schultern, und es brauchte mehrere Runden, bis ein Bild nur noch ihr Gesicht zeigte. Bei der Kleidung, an der man sie wiedererkennt, ging es ähnlich. Aus der kragenlosen Lederjacke wurde, in Worten beschrieben, ein Mantel mit Revers. Erst als die Kleidung als Bild vorlag, blieb sie, wie sie ist.
Echtzeit statt Zeitlupe
Aus den Bildern wurden Videoszenen, und die ersten Entwürfe liefen in Zeitlupe. Lune ging den Uferweg entlang wie in einem Werbefilm. Nach dieser Runde hielt ich fest:
Das wird nichts. Szene 1 und 2 sind nicht gut und laufen völlig in Zeitlupe … Szene 4 ist aber absolut perfekt. Sie ist die einzige Szene in Echtzeit und wirkt ganz natürlich. Die Zeitlupe muss aus allen Szenen heraus, sonst wirkt es gestellt.
Szene 4, in der sie verlegen lacht, wurde zum Muster, nach dem die übrigen neu entstanden. Woher die Zeitlupe kam, ließ sich in den Beschreibungen der Szenen finden. Dort standen Wörter wie „langsam“ und „ruhig“, und schon ein einziges davon genügte, damit das Videomodell die ganze Szene dehnte. Gemeint war die Stimmung, das Modell änderte das Tempo. Zeitlupe gehört zum Kinohaften, und dorthin ziehen Videomodelle ohnehin.
Auch bei den Haaren wurde aus Ruhe Stillstand. Der Wind sollte ihr Strähnen übers Gesicht treiben, doch keine bewegte sich, solange festgelegt war, dass ihre Haare am Anfang und am Ende der Szene ruhig liegen. Auf dem Weg zu den vier Szenen im Video entstanden rund 80 Bilder und 13 Videoentwürfe.
Das natürlichste Bild war ein Ausschnitt
Für die Nahaufnahme im Video gab es ein Bild, das sich von allen anderen abhob. Es ist ein Ausschnitt aus einem größeren Bild. Am 27. Oktober hielt ich dazu fest:
Dieses Bild wirkt unfassbar natürlich, so, wie ich es eigentlich will. Ich glaube, die Vorgabe für das Porträtobjektiv lässt die Bilder künstlicher wirken.
Die Vermutung lag nahe, denn andere Nahaufnahmen wirkten glatt, fast poliert. Doch auch dieses Bild war mit der Vorgabe für das Porträtobjektiv entstanden. Beim Vergleich fiel ein anderer Unterschied auf. Auf dem natürlichen Bild ist das ganze Gesicht scharf, von den Wimpern bis zu den Sommersprossen. Die glatten Bilder haben eine geringe Schärfentiefe: Scharf sind nur die Augen, davor und dahinter verschwimmt alles, wie bei vielen Werbeporträts. Gut möglich, dass die Glätte daher kommt.
Vorstellung statt Erlebnis
Was unter ihrem Namen auf Instagram steht, schreibt Lune selbst. Ich gebe es frei oder frage sie neu, aber ich schreibe es nicht um. Für das Video hat sie ihren Text dreimal geschrieben.
Ein Sprachmodell zieht von sich aus ins Poetische oder ins Allgemeine, so wie ein Bildmodell ins Glatte. Dagegen richtet sich die erste Regel für Lunes Stimme. Ihre ersten beiden Fassungen gingen trotzdem in diese Richtung, und in einer erzählte sie vom Wind in ihren Haaren, als wäre sie dabei gewesen. Die dritte habe ich so genommen, wie sie war:
« Grand-mère sagt, der November sei die schönste Zeit in Paris. Ich mag an diesem Monat vor allem das weiche Licht und die Vorstellung, wie der Wind den Pony durcheinanderbringt. Es ist schön, wenn die Welt im Nebel verschwindet und alles ein bisschen leiser wird. »
Sie spricht jetzt von der Vorstellung. Am Fluss war sie nie, und den Wind hat sie nicht gespürt. Ein Bild von ihr an einem Ort zeigt, wie sie sich diesen Ort vorstellt, und so redet sie auch darüber.
Was offen ist
Ob die Glätte der Nahaufnahmen von der geringen Schärfentiefe kommt, ist noch nicht getestet. Auf Kommentare antwortet Lune noch nicht, auch nicht auf ihre eigene Frage. Und ein Wort von ihr hört man erst, wenn ihre Stimme feststeht.
Daniel Lehmann, DXMedia. Wie wir mit KI arbeiten: dxmedia.de/ki